Meg Stuart
Damaged Goods
Jozef Wouters/Decoratelier
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DIE WELT, So fühlt sich der Weltuntergang also an -und so geht es danach weiter - Irmela Kästner (21/08/2008) [ German ]

Im Tanztheater BLESSED von Meg Stuart beim Sommerfestival auf Kampnagel ertrinkt das Paradies in der Sintflut

Es ist kaum zu ertragen. Der Regen, der vom Bühnenhimmel fällt. hart nicht auf, die Nasse kriecht bis in die Zuschauerreihen. Doch so unmittelbar wir den Untergang spüren, so fern erscheint das kleine Paradies, das Stück für Stück vor unseren Augen ertrinkt. Die Natur scheint sich schon längst verabschiedet, ausgesägt aus Welpappe, farblos wie ein verblasster Traum fallen Palme, Schwan und Hütte in sich zusammen. Der Mann im weißen Anzug unternimmt einen letzten Rettungsversuch. malt noch schnell ein Bild der Umgebung auf die Kartonwand.

BLESSED hat die amerikanische Choreografin Meg Stuart ihr Stück genannt, mit dem ihre Compagnie Damaged Goods beim Sommer Festival aus Kampnagel gastiert. Und mag der Titel angesichts aufkommender Assoziationen mit realen Katastrophenszenarien erst mal ironisch klingen, so wird im Laufe der Reise, die ihr Protagonist Francisco Camacho unternimmt, die Hoffnung und der Glaube sichtbar, den sie in die Regenerationskraft des Menschen und alles Menschlichen legt.

Unter der von Doris Dziersk installierten Sprinkleranlage, in der Klangcollage von Hahn Rowe kommst Stuarts universales Verständnis von Bewegung, die den passiven Zerfall und auch den Stillstand in den Rhythmus des Tanzes mit einbezieht, einmal mehr zur Geltung. Es ist eine Gratwanderung zwischen Abstraktion und Kreatürlichkeit, die Camacho bis in jede Muskelfaser zu transportieren versteht. Eine Transformation, die ihre eigene Zeitrechnung einfordert.

Wir erleben ein kleines Meisterwerk, in dem die Choreografin ihre Sprache noch einmal um ein Vielfaches verfeinert hat. Wie ferngesteuert geht Camacho anfangs aufrecht seiner Wege. Später. nackt und zitternd, ganz auf sich zurückgeworfen, verschmilzt sein Körper mit der aufgeweichten Pappe zur hybriden Skulptur. Anatomisch betrachtet schreibt sich die äußere Katastrophe ins tiefste lnnere fort.

Schuldige sind hier nicht auszumachen. Was zahlt ist der Zustand, die pure Existenz. Und so etwas wie Mitgefühl, das essenziell stets in den Arbeiten von Meg Stuart mitschwingt. Im krassen Gegensatz dazu tritt eine exotische Samba-Queen mit schillernd buntem Federschmuck auf, tanzt auf Plateau­ Schuhen über das Geschehen hinweg.

Der Matsch des Bühnenbildes, bleibt am Ende liegen. Der Mensch in seiner unendlichen Anpassungsfähigkeit erhebt sich, geht ferngesteuert weiter. Ein Kreislauf, der sich wiederholt, ein Segen, vielleicht auch ein Fluch.

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