Meg Stuart
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Jozef Wouters/Decoratelier
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Die Choreografin Meg Stuart rüstet sich für die Erkundung der eigenen Vergangenheit: „Wenn wir keine Erinnerung hätten, was würden wir dann träumen?“

Meg Stuart begibt sich in ihrer Soloperformance „Hunter“ im Hau 2 auf Spurensuche und wird fündig. Es ist eine lange und dichte Erinnerungsfahrt, auf die einen Stuart mitnimmt. Gegen Ende erzählt sie dabei tatsächlich von sich selbst.

Wenn man auf die fünfzig zugeht, beginnt sich das Verhältnis zu den eigenen Erinnerungen zu verändern. Die Eltern sind krank, vielleicht sogar schon gestorben. Aber selbst wenn es ihnen gut geht, weiß man, dass sie alt sind und dass der Tod bald kommen wird. Bis jetzt bildeten sie so etwas wie das Dach der Vergangenheit, jetzt muss man sich selbst eines bauen. Im Hau 2 hat das die amerikanische, schon lange in Berlin lebende Choreografin Meg Stuart in ihrer ersten großen Soloperfomance „Hunter“ getan. Sie hat sich eine Erinnerungsbude gebaut.

Eine sehr durchlässige, bestehend aus einer Plexiglassäule und diversen Metallverstrebungen, aber der Überwurf für dieses Zelt fehlt. Vielleicht ist das in dieser großartigen, eineinhalbstündigen Performance die beste Metapher für das, was mit unserer Erinnerung passiert: Die Konstruktion steht noch, aber ohne Überwurf ist es kein Zelt mehr, in das man kriechen, geborgen sein kann. Nur einzelne Dinge hängen an den Stangen, Kostüme, die man für kurze Momente überzieht.

Ganz am Anfang des Stücks saß Stuart an einem Schneidetisch, der ähnlich wie die Bühnenkonstruktion bestückt war. Auf die große Bühnenrückwand übertragen konnte man zuschauen, wie Stuart Yoko Ono einen hippiesken Glitzerstein auf die Stirn klebte, alte Fotos von Mutter und Vater zerschnippelte, alles eng aneinander schob, unter das Bild eines kleinen Jungen trockene Blätter schichtete und es anzündete.

"I am shy"

Es ist eine lange und dichte Erinnerungsfahrt, auf die einen Stuart mitnimmt. Gegen Ende wird sie dabei tatsächlich von sich selbst erzählen. „I am shy“, beginnt sie, noch hinter einem transparenten Tuch stehend. An der Rückwand hat sie die Kleidung gewechselt. Sie ist jetzt mit Fellstiefeln ausgerüstet und einer orangenen Steppweste, sie hat noch einiges vor. Denn Meg Stuart ist tatsächlich schüchtern.
Unvorstellbar dass sie sich in einem ihrer frühen Arbeiten auf die Bühne gestellt, und von sich selbst erzählt hätte. Trotz ihrer Gastspiele rund um die Welt musste sie zu Interviews regelrecht getragen werden. Aber so ist es, wenn man älter wird, wenn man die Dinge nur noch selbst erledigen kann. „Wenn man mich kennt“, sagt Stuart, stockt, „na ja, dann bin ich immer noch schüchtern.“

Meg Stuart ist mit ihren Arbeiten seit über zwanzig Jahren in Berlin präsent. Ihr Stück „No longer readymade“, 1993 beim Tanz im August ebenfalls im Hau 2 (damals noch Theater am Halleschen Ufer) uraufgeführt, war für Alle, die dabei waren, ein Markstein, eine Wendepunkt im Verständnis davon, was Tanz sein kann. Lange bevor Bücher wie Ehrenburgs „Das erschöpfte Selbst“ oder Sennetts „Der flexible Mensch“ auf den Markt kamen, zeigte Stuart dissoziierte Wesen, deren Körperteile auseinander zu fallen schienen. Sie hat danach an der Deutschen Oper produziert, gemerkt, dass sie die „große“ Karriere und die großen Bühnen nicht interessieren, war in Berlin später für einige Jahre Artist in Residence bei Frank Castorf in der Volksbühne.

Aber um all das geht es nicht in „Hunter“, sondern um Erinnerungen an die Kindheit und die jugendlichen Jahre. „Louise Bourgeois wurde 98 Jahre“, sagt Stuart irgendwann, „und immer ging es in ihrer Kunst um ihre Kindheit. Hat sie denn in den anderen 70 Jahren nichts erlebt?“
Meg Stuart ist die Tochter zweiter Theaterdirektoren. Man sieht alte Fotos von einem Kind mit Maske, Hut und Kimono, das auf einem Hügel steht und weit die Arme ausbreitet. Auf beiden Seiten der Bühne sind hölzerne Buchten angebracht in denen Fotos und alte Videoaufnahmen flimmern (Bühne: Barbara Ehnes, Video: Chris Kondek), aus den Boxen tönt ein unaufhörlicher Mahlstrom an Tönen und Geräuschen.

Halbnackt zwischen Zotteln vergraben

William S. Bouroughs meint man zu erkennen, Sätze von den Beatles. Auf der rechten Seite sieht man ein kurzes Video, ein Strand, vielleicht Kalifornien, aus dem Auto heraus auf schwarz-weiß gedreht. Meg Stuart entledigt sich einem Teil ihrer Kleidung und beginnt ein Ungetüm an ineinander genähten Anoraks anzuziehen, die an Zelte und verregnete Ferien denken lassen. In der Holzbucht räkelt sich im Scherenschnitt eine Schöne, Stuart klemmt sich einen ausgestopften pinkfarbenen Anorak-Arm zwischen die Beine und unwillkürlich scheint ein Bild auf von der Pubertät, von Ferienzeit und ersten Lieben.

Zu Beginn der Performance, nachdem Stuart ihren Schneide- und Basteltisch verlassen hatte, zuckte, dehnte, drehte sich der Körper in alle Richtungen und ein dichter elektronischer Mix vibrierte durch den Raum. Man stellte sich auf einen sehr anstrengenden Abend ein, aber es war das nur das in Gang setzen des Mahlstroms, aus dem wie Blasen die einzelnen Erinnerungen platzen und körperlich, wirklich werden.

In ihrer Kindheit hat Meg Stuart soviele schlechte Schauspieler erlebt, dass sie selbst auf der Bühne nie sprechen wollte. Jetzt hat man sie sogar singen gehört. Und gesehen, wie sie das wirklich verlegen macht. Zwischendurch war Stuart halbnackt zwischen Zotteln vergraben. Wo fängt die eigene Erinnerung an, wo hört sie auf? Wenn wir keine Erinnerung hätten, fragt Stuart, was würden wir dann träumen?

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P.S., Slalom - Thierry Frochaux (25/09/14) [ German ]
DE STANDAARD, Meg Stuart's sensational hall of mirrors, Charlotte de Somviele
UTOPIA PARKWAY, Beautiful cutting up and reassembling the past: ‘Hunter’ by Meg Stuart/Damaged Goods
DFDanse, Un chef d’oeuvre peut en cacher un autre, Margot Cascarre (15/05/14) [ French ]
Voir.ca, Danse libre sur musique grandiose, Philippe Couture (15/05/14) [ French ]
TAZ, Le collage comme principe chorégraphique - Katrin Bettina Müller (28/03/14) [ French ]
TAGESSPIEGEL, La déchirure dans mon corps - Sandra Luzina (28/03/14) [ French ]

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