Meg Stuart
Damaged Goods
Jozef Wouters/Decoratelier
Articles
Interviews
Teaching
TAGES-ANZEIGER, Radikale Körperforscherin - Andreas Tobler (22/01/14) [ German ]

Vier Jahre wirkte Meg Stuart in Zürich. Nun kehrt die 48-Jährige Choreographin mit zwei Stücken in die Schweiz zurück.

Nackt steht sie da. Mit einem Schlag, als hätte sie unser Blinzeln für ihren Auftritt genutzt. Aber das kann eigentlich nicht sein. Denn wir sind an diesem Abend ganz schön viele, die ins Centre Pompidou in Paris gekommen sind, um Meg Stuarts «Sketches/Notebook» zu sehen. Aber irgendwie hat es Meg Stuart doch geschafft: einen Auftritt aus dem Nichts. So etwas gelingt nur ihr: der grossen, unfassbaren, unnahbaren Choreografin. Für einen Moment sieht man den blossen Körper der 48-Jährigen, der deutliche Spuren ihrer harten Tanzarbeit trägt – bevor die Kostümbildnerin ihr eine Decke um den Rumpf bindet, ein Collier aus Deckenstoff um den Hals hängt, die Brustwarzen, später auch die Lippen und die Augenbrauen mit neonfarbigem Klebeband abdeckt. Mit jedem Kleidungs- und Klebstück wechseln die Intensität und der Ausdruck des unbewegten Körpers, den Stuart als Behälter versteht, durch den sie Emotionen und Bilder spülen kann, als würde eine Tiermeute durch sie hindurchjagen.
Eine Woche nach dem Gastspiel in Paris treffe ich Meg Stuart in einem kleinen Café in Berlin-Mitte. Stuarts Händedruck ist weich und warm wie ihre dunkle Stimme. «Zehn Jahre? Wirklich?», fragt sie. Man kann es selbst nicht so richtig glauben. Zu stark sind die Erinnerungen an ihre Zürcher Arbeiten, an «Alibi» und «Visitors Only», an «Highway 101» und «Forgeries, Love and Other Matters». Aber es ist nun tatsächlich bald zehn Jahre her, dass Meg Stuart zusammen mit Christoph Marthaler das Zürcher Schauspielhaus verliess.

Wenn Sprache scheitert

Die vier Jahre in Zürich waren wichtig für Meg Stuart: die künstlerische Nachbarschaft zu Regisseuren wie Marthaler und Stefan Pucher, die Räume des Schiffbaus, die sie mit ihren Stücken bespielen konnte, und die andere Perspektive des Sprechtheaters auf den Bereich zwischen Tanz und Theater, in dem Stuart ihre Arbeit verortet, also dort, wo ihr zufolge «Sprache scheitert und Bewegungen ihre Bedeutungen verlieren».

Als Marthaler seinen Hut nahm, war für Meg Stuart klar, dass auch sie Zürich verlassen wird – in Richtung Berlin, wo sie bis 2010 an Castorfs Volksbühne weiterarbeiten konnte. Meg Stuart lebt noch heute in Berlin – in der gleichen Strasse wie der Autor und Regisseur René Pollesch, der Bühnenbildner Bert Neumann und in der Nähe von Stefan Pucher, ihrem früheren Lebensgefährten, mit dem zusammen Stuart einen 11-jährigen Sohn hat. Meg Stuarts Compagnie, die Damaged Goods, ist dagegen etwas ortlos geworden: Das Management der Gruppe sitzt seit zwanzig Jahren in Brüssel, als wichtigste Produktionspartner sind die Münchner Kammerspiele und das Berliner HAU hinzugekommen. Das Produzieren zwischen München und Berlin hindert Meg Stuart aber nicht daran, aufwendige Stücke herauszubringen. Im Gegenteil. Seit dem Abschied von der Volksbühne sind weitere grosse Ensembleproduktionen entstanden, etwa «Built to Last», das in dieser Woche in Zürich zu sehen ist. Im März bringt sie mit «Hunter» zudem ein erstes abendfüllendes Solo heraus, das in Koproduktion mit der Gessnerallee entsteht und Ende Woche in Zürich zu sehen sein wird.
Sieht man sich Meg Stuarts jüngere Arbeiten an, kann man zur Überzeugung kommen, dass Marthalers Abschied für die Choreografin ein guter Moment war, um nochmals neu aufzubrechen. Denn als die Amerikanerin in Zürich war, gab es diesen starken Konsens, demzufolge sich Megs Stuarts Interesse auf gebrochene Körper und die Gliedmassen konzentriert, die ein geradezu perverses Eigenleben führen. Gewiss, das gab und gibt es alles, etwa in «Disfigure Study» von 1991, das Meg Stuarts Durchbruch in Europa markiert, oder in «Alibi», in dem ihre Damaged Goods minutenlang in einen Ganzkörpertremor verfielen – zwei Monate nach dem 11. September 2001. Und um den Körper geht es auch in «Hunter». Darin untersucht Meg Stuart ihren eigenen Leib als Archiv, «das von persönlichen und kulturellen Erinnerungen» belebt ist.

Momente der Öffnung

Fragen aufwerfen und diesen bis zum Äussersten nachgehen: Das ist der Grundimpuls von Meg Stuarts Arbeit. Dieser Impuls erlaubt aber nicht nur den Exzess, sondern gibt auch die Möglichkeit, die eigene Ästhetik immer wieder grundlegend zu verändern. Als es den Konsens gab, dass ihre Stücke autistische Kommunikationskrüppel zeigen, entstand «Maybe Forever», ein hauchfeines Duo von 2007, in dem sie mit Philipp Gehmacher ihren Körper den Versuchungen und den Vergeblichkeiten der Liebe hingab und in dem sie am Mikrofon den zärtlichsten Abschiedsmonolog formulierte, den man je auf einer Bühne hörte: «Als ich dir sagte, ich könnte nicht ohne dich leben? I take it back. Als ich sagte, ich wünschte, ich wäre du . . . Als ich sagte, ich wünschte . . . Als ich sagte, es sei heutzutage völlig unnötig, romantisch zu sein? I take it back.»

Es sind solche Momente der Öffnung und der Kommunikation, die es in den Zürcher Arbeiten von Meg Stuart nicht gab. In den jüngeren Stücken sind sie zentral, so auch in «Sketches/Notebook», in dem Meg Stuart während einer hoch gespannten Körperchoreografie vom Rand aus Murmeln auf den Boden schüttet, die von ihren Tänzern und den umsitzenden Zuschauern sofort aufgenommen und in einem kindlichen Spiel hin und her geschubst werden.


Vollgepumpt mit Musik

Ein Spiel in einem ganz anderen Sinne ist auch Meg Stuarts «Built to Last», ein Stück mit monumentaler Musik, das diese Woche in Zürich gastiert. Musik spielte schon immer eine wichtige Rolle bei Meg Stuart, etwa in «Violet» von 2011, in dem ihre Tänzer mit Industrialsound vollgepumpt wurden, oder in «Sketches/Notebook», in dem man als Zuschauer zum geloopten Thema von Spielbergs «Jurassic Park» den Saal betritt. In «Built to Last» geht es aber um ganz andere Musik, nämlich um Schlüsselwerke der Musikgeschichte – von Beethovens «Eroica» über die 9. Sinfonien von Dvorak und Bruckner bis zu Werken von Arnold Schönberg und Karlheinz Stockhausen.

Wie geht das zusammen? Diese ernste, quasi heilige Musik und der zeitgenössische Tanz, in dem man vor fünfzig Jahren damit aufhörte, den Körper und seine Bewegungen zu heroisieren, als Yvonne Rainer und die anderen Mitglieder des Judson Dance Theater banale Bewegungen in ihr Tanzvokabular aufnahmen? Das geht nur zusammen, weil Meg Stuart dem Abstand zwischen dem Tanz und der Musik Rechnung trägt – und mit ihm spielt, etwa dann, wenn in «Built to Last» die unspektakulären Bewegungen von Yvonne Rainers «Trio A» auf die Bühne kommen, wenn ihr Ensemble im Liegen ein mechanisches Armballett zu Dvoraks Sinfonie exerziert, wenn eine Tänzerin zu Bruckners Neunter auf einem Baucontainer durch das bedrohlich drehende Planetenmobile geschoben wird. Oder wenn das ganze Ensemble zu Beethovens «Eroica» im Kreis einen Trauermarsch performt, der so perfekt wirkt, weil er mit einer stupenden Lässigkeit auf die Bühne kommt und weil er – wie das ganze Stück – alles Monumentale in entspannter Leichtigkeit aufhebt. Der ideologische und intellektuelle Ballast fällt ab von der Musik; das Ernste und Erhabene an ihr wird heiter, leicht und erhebend. Und genau dieses dekonstruktive Spiel, das nichts Denunziatorisches hat, macht Meg Stuart und ihr «Built to Last» so gross.

TANZ, Choreografin des Jahres Meg Stuart - Elena Phillip (15/08/14) [ German ]
DEUTSCHLANDFUNK, Mikroskopische Tänze - Franziska Buhre (27/03/14) [ German ]
TAGESSPIEGEL, The crack in my body - Sandra Luzina (28/03/14)
TAZ, The choreographic principle of the collage Taz - Katrin Bettina Müller (28/03/14)
BERLINER ZEITUNG, In Fellstiefeln singt Meg Stuart sogar - Michaela Schlagenwerth (28/03/14) [ German ]
MOUVEMENT n° 73, Sketches/Notebook - Jean-Marc Adolphe (10/03/2014) [ French ]
DIE DEUTSCHE BÜHNE, The worlds of Meg Stuart - Anna Volkland (27/03/14)
DIE DEUTSCHE BÜHNE, Les mondes de Meg Stuart - Anna Volkland (27/03/14) [ French ]
P.S., Slalom - Thierry Frochaux (25/09/14) [ German ]
DE STANDAARD, Meg Stuart's sensational hall of mirrors, Charlotte de Somviele
UTOPIA PARKWAY, Beautiful cutting up and reassembling the past: ‘Hunter’ by Meg Stuart/Damaged Goods
DFDanse, Un chef d’oeuvre peut en cacher un autre, Margot Cascarre (15/05/14) [ French ]
Voir.ca, Danse libre sur musique grandiose, Philippe Couture (15/05/14) [ French ]
TAZ, Le collage comme principe chorégraphique - Katrin Bettina Müller (28/03/14) [ French ]
TAGESSPIEGEL, La déchirure dans mon corps - Sandra Luzina (28/03/14) [ French ]

© Damaged Goods — info@damagedgoods.be — +32 (0)2.513.25.40