Meg Stuart
Damaged Goods
Jozef Wouters/Decoratelier
Articles
Interviews
Teaching
MOUVEMENT, Chasseur de Palimpsestes, Lauriane Schulz [ French ]
Tip Berlin, Die Aura-Jägerin, Arnd Wesemann [ German ]

Die Aura-Jägerin

Revisited: Die Avantgarde-Choreografin zeigt im HAU ihre eigensinnigen Erfolgsstücke Hunter und VIOLET.

Meg Stuart trägt Hose und T-Shirt. In Wahrheit trägt sie Aura. Wenn die US-Choreografin in ihrem Solo Hunter über eine Plexiglasplatte gebeugt Fotos beschneidet, wenn sie in Erinnerungen kramt und dieses Tun auf eine Leinwand projiziert, geht ein Gedanke gar nicht mehr aus dem Kopf: Da sitzt ihre Aura höchstpersönlich mit dem Rücken zu uns bearbeitet fotografische Erinnerungen. 20 Jahre Bühnenerfahrung in Berlin, seit Disfigure Study von 1991, verbünden sich zu einem Solo, das diese Jahre in einen Kompressor stopft und zu einem Affentanz verdichtet.

Sie hechtet wie über einen Tennisplatz, sie wirft ihre Arme wie Signalflaggen in die Luft, sie exekutiert sich selbst als Jägerin und wirkt wie ein gejagtes Tier, wild und gefährlich. Alles ist nur ‚wie’ – denn alles behält einen gehörigen Abstand zu der 50-jährigen Amerikanerin, die in ihrem eigenen Tanz dermaßen verschwindet, bis dieses Ding tatsächlich aufscheint: ihre Aura. Aura, das klingt auch abzüglich aller Esoterik nach Unnahbarkeit. Aura umschreibt nur unscharf das unbeschreibliche Phänomen Meg Stuart. Mit der Wiederaufname ihres Doppels Hunter von 2014 und VIOLET von 2011 im HAU zelebriert das Mitglied der honorigen Akademie der Künste nicht etwa schöne Erinnerungen an ihre eigenen Werke. Hier geht es um etwas anderes: Sie lässt Energien zirkulieren, bis sich sonderbare Intensitäten aufbauen.

Gejagte Körper

‚Unfolding’ nennt sie das, wenn lose Ideen in eine Schleife aus Assoziationen geraten, die vom Körper allmählich besitz ergreifen. Mit offenem Mund sieht man das gerade in VIOLET: Hier tanzen nicht fünf Tänzer, hier tanzen Konvulsionen, die die Macht erlangen über den Körper, ihn schütteln, ihm die Bedeutung rauben, ihm nicht mal die Würde des Opfers lassen, sondern ihn restlos in Besitz nehmen. Der Tanz entleert den Tänzer als sei er eine Mülltonne, er verletzt ihn und vergewaltigt ihn („to violate“ ganz buchstäblich). Da verausgaben sich die fünf Tänzer, bit – ja – bei ihnen die Aura allmählich zu glühen beginnt. Jede Bedeutung, die man noch zu erraten sucht, verpufft, wenn zum Schluss drei Jungs schwer atmend auf der Bühne liegen, weinend, kopulierend, verendend.

Alles drei auf einmal, ununterscheidbar, leer und derart verstrahlt, dass man erleichtert feststellt: Sie hat sie wieder einmal erjagt, diese unbegreiflich undefinierbare Aura, die den Körper nirgendwo anders so brutal umweht wie in den Tanzkunstwerken von Meg Stuart.

INFERNO, Hunter: Meg Stuart, Smaranda Olcèse [ French ]
The Irish Times, Built to Last, Michael Seaver
The Irish Times, Built to Last, Michael Seaver (review)
Examinor, Built to Last, Chris O'Rourke
NRZ, Choreographie der Körpererkundung, Michael-Georg Müller (22.09.2015) [ German ]
Deutschlandradio Kultur, Das Ende einer Ära, Christoph Liebold (18.06.2015) [ German ]
Deutsche Bühne, Unbequeme Zügellosigkeit, Vesta Mlaker (20.06.2015) [ German ]
NRZ Der Westen, Choreography of the exploration of the body, Michael-Georg Müller (22.09.2015)
DE MORGEN, Dancing beyond embarrassment - Pieter T' Jonck

© Damaged Goods — info@damagedgoods.be — +32 (0)2.513.25.40