Meg Stuart
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Jozef Wouters/Decoratelier
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Berliner Zeitung, Menschen in Regalsystemen - Michaela Schlagenwerth (28.09.18) [ German ]

Die Choreografin Meg Stuart verwandelt die Reinbeckhallen mit „Projecting [Space[“ in eine fantastische Installation

Ein paar Scheinwerfer und ein paar Lautsprecherboxen reichen. Kaum hat man das Gelände der Reinbekhallen in Schöneweide betreten, ist vorbeigelaufen an den großen Fabrikhallen, ein paar Menschen folgend, bis zur an die Spree reichenden Wiese − schon hat man den Eindruck, sich mitten in einer Installation zu befinden. Da steht Meg Stuart, die Choreografin des „Projecting [Space[“ betitelten Abends vor dem Spree-Panorama im Abendlicht. Unbeweglich, als hätte man sie dort hingepflanzt. Ein kleines silbriges Auto kommt angefahren und bleibt mitten auf der Wiese stehen. Dort laufen zwei Frauen mit einem sie umspringenden Hund …

Singende Kastanie
Ob man nun das Programmheft vorab gelesen hat (in dem von einem Nomadenstamm die Rede ist, der aus der Zukunft in unsere heutige Zeit gereist sei) oder auch nicht: Alles an dieser gut zweistündigen Performance- Installation, die draußen beginnt und dann drinnen mit dem Gang durch mehrere Hallen weitergeht, ist surreal. Die Geräusche etwa, die via Lautsprecherboxen aus einer alten, am Spreeufer wurzelnden Kastanie wehen, klingen, als würde der Baum Geräusche aus seinen tiefsten Tiefen von sich geben.

Vermutlich hat Vincent Malstaf, der für die Soundscape-Installation Verantwortliche, genau das getan: Die grummelnden, nicht gerade leisen Geräusche unter der Erdoberfläche aufgenommen und sie mit dem Rauschen der Blätter, dem Flügelschlag und Gesang der Vögel sowie dem Betrieb auf der Spree gemischt.

Außenraum Installationen, die den öffentlichen Raum zum Kunst- Raum erklären, gibt es viele. Meist funktionieren sie aber nur begrenzt. Meg Stuart gelingt ein Maximum an Verdichtung mit nur wenigen Setzungen. Da sind die Geräusche, das Licht, das Auto auf der Wiese, das mit bunten Stoffen geschmückt wird, zwei Radfahrer, die nur aufgrund ihrer etwas exzentrischen Kleidung nicht als Freizeitaktivisten erscheinen.

Die Grenzen zwischen dem gegebenen Raum mit seinem zufälligen Geschehen und den künstlerischen Aktionen sind fließend und oft nicht im ersten Moment zu identifizieren. Das dürfte die Funktionsweise des „Projecting [Space[“ sein, des sich für Projektionen öffnenden Raumes, der uns klar macht, dass unsere Wahrnehmung ja letztlich sowieso aus nichts anderem besteht als unseren (erlernten) Projektionen.

Vorsichtig, als handele es sich um ein lebendiges, unerklärliches Gerät, wird ein Gabelstapler in Betrieb genommen und ein Performer spazieren gefahren. Ein archäologischer Fund, mit dem es gilt, in Austausch zu treten und die Möglichkeiten der Kommunikation auszuloten. Nach rund zwanzig Minuten geht es in die erste Halle. Enge Gänge, dicht an dicht gereihte, hoch aufragende Regale, in denen sich die Zuschauer schichten. Anders finden nicht alle Platz. Die Tänzer agieren über ihnen und zwischen ihnen. Die Ungeordnetheit der Menschen kippt die Ordnung der geraden Regalreihen. Einzelne Tänzer beginnen Interaktionen mit den Zuschauern. Aber Entwarnung, es besteht kein Mitmachzwang! Das gesamte Vorgehen ist vorsichtig, fein. Ob Kommunikation entsteht oder nicht, das hängt vom Moment, von der Bereitschaft zum Reagieren ab. Zwischendurch sieht man nicht viel. Aber nach und nach entsteht Ruhe, Konzentration, ein diffuses Gemeinschaftsgefühl.

Wie wollen wir leben in dieser durchindustrialisierten Welt mit all den Artefakten, die uns zur Natur geworden sind. Weil es eben keine Grenzen gibt zwischen den von Menschen geschaffen Dingen und dem Rest. Damit spielt der Abend − ironisch und mit viel Lust an Absurditäten. Da wird nach der Enge in der einen Halle in der nächsten das Fliegen erprobt, einander angemalt, angepustet und tranceartig synchron durch den Raum getanzt. Kleine Plastikfetzen hängen an der Wand wie Reliquien, kostbare Funde, die es zu deuten gilt. Was sie uns erzählen können, darüber rätseln zwei Performer, während sich am anderen Ende eine viele Meter breite und hohe Leinwand entrollt und den Blick auf eine Wolkenlandschaft freigibt.

Tanzen und bilden
„Projecting [Space[“ wurde letztes Jahr im Rahmen der Ruhrtriennale in einer stillgelegten Zeche uraufgeführt. Jetzt haben Stuart und ihr Team das vom HAU koproduzierte Werk kongenial in die Reinbekhallen transferiert. Erfreulicherweise ist „Projecting [Space[“ neun Mal in Berlin zu sehen. Es wird auch im Rahmen der Berlin Art Week präsentiert. Denn es ist mit den Bühneninstallationen von Jozef Wouters eben genauso bildende Kunst wie Tanz. Aber wer will das schon trennen?

La Libre, Meg Stuart, Lion d’or à Venise, dans de nouveaux territoires - Guy Duplat (19.01.18) [ French ]
Le Vif, Trip à la sauce indonésienne - Estelle Spoto (24.01.18) [ French ]
La Libre, Meg Stuart, Golden Lion for Lifetime Achievement, tests new waters - Guy Duplat (19.01.18)
Mouvement, D'huile et d'eau - Sylvia Botella (30.01.18) [ French ]
Mouvement, Of oil and water - Sylvia Botella (30.01.18)
Disfiguring dance, refiguring the human - Allyson Green & André Lepecki on Meg Stuart/Damaged Goods (05.18)
Contemporary Performance, In Performance: Meg Stuart/Damaged Goods, Until Our Hearts Stop - Philip Gates (08.05.18)
Le Devoir, Until Our Hearts Stop: jeux interdits - Mélanie Carpentier (26.05.18) [ French ]
Lèche-Vitrine, Entrevue avec Meg Stuart sur UNTIL OUR HEARTS STOP - Philippine Vallette (28.05.18) [ French ]
La Libre, Comment peut-on survivre au chaos? - Guy Duplat (02.06.18) [ French ]
De Morgen, Instagram avant la lettre - Pieter T' Jonck (20.06.18) [ Dutch ]
Die Presse, Tanz der intergalaktischen Krieger - Isabella Wallnöfer​ (01.08.18) [ German ]
TanzRaumBerlin, Scope for freedom - Astrid Kaminski (03.18)
Der Standard, Practicing dying with ironic grandeur - Helmut Ploebst (24.11.18)
Der Standard, Sterben üben mit ironischer Grandezza - Helmut Ploebst (24.11.18) [ German ]
FAZ, Ear candles to ward off pain - Eva-Maria Magel (19.11.18)
FAZ, Ohrenkerzen gegen Schmerzen - Eva-Maria Magel (19.11.18) [ German ]

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