Meg Stuart
Damaged Goods
Jozef Wouters/Decoratelier
Articles
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Berliner Zeitung, Menschen in Regalsystemen - Michaela Schlagenwerth (28.09.18) [ German ]
La Libre, Meg Stuart, Lion d’or à Venise, dans de nouveaux territoires - Guy Duplat (19.01.18) [ French ]
Le Vif, Trip à la sauce indonésienne - Estelle Spoto (24.01.18) [ French ]
La Libre, Meg Stuart, Golden Lion for Lifetime Achievement, tests new waters - Guy Duplat (19.01.18)
Mouvement, D'huile et d'eau - Sylvia Botella (30.01.18) [ French ]
Mouvement, Of oil and water - Sylvia Botella (30.01.18)
Disfiguring dance, refiguring the human - Allyson Green & André Lepecki on Meg Stuart/Damaged Goods (05.18)
Contemporary Performance, In Performance: Meg Stuart/Damaged Goods, Until Our Hearts Stop - Philip Gates (08.05.18)
Le Devoir, Until Our Hearts Stop: jeux interdits - Mélanie Carpentier (26.05.18) [ French ]
Lèche-Vitrine, Entrevue avec Meg Stuart sur UNTIL OUR HEARTS STOP - Philippine Vallette (28.05.18) [ French ]
La Libre, Comment peut-on survivre au chaos? - Guy Duplat (02.06.18) [ French ]
De Morgen, Instagram avant la lettre - Pieter T' Jonck (20.06.18) [ Dutch ]
Die Presse, Tanz der intergalaktischen Krieger - Isabella Wallnöfer​ (01.08.18) [ German ]
TanzRaumBerlin, Scope for freedom - Astrid Kaminski (03.18)
Der Standard, Practicing dying with ironic grandeur - Helmut Ploebst (24.11.18)
Der Standard, Sterben üben mit ironischer Grandezza - Helmut Ploebst (24.11.18) [ German ]
FAZ, Ear candles to ward off pain - Eva-Maria Magel (19.11.18)
FAZ, Ohrenkerzen gegen Schmerzen - Eva-Maria Magel (19.11.18) [ German ]

Ohrenkerzen gegen Schmerzen

Frankfurter Allgemeine Zeitung, Eva-Maria Magel, 19.11.18

Wie wir es mit dem Jenseits halten, irgendeinem höheren Wesen, muss jeder mit sich selbst ausmachen. Was aber sähe ein solches Wesen, betrachtete es das diesseitige Personal? Vielleicht Kreaturen wie die drei, die sich auf dem Tanzboden des Frankfurter Mousonturms wälzen. Wer Jule Flierl, Claire Vivianne Sobottke und Gaëtan Rusquet zu helfen versucht, kann Beschimpfungen ernten - oder aber einen Heiratsantrag bekommen. Eine bettelt in aberwitzigen roten Plateauschuhen um ein bisschen Liebe, ein Alien mit Riesenohren und einer glitzersteinbestickten Gesichtsmaske zirpt seltsame Arien. Der Dritte wird erst von den anderen malträtiert, dann geheilt - mithilfe einer Ohrkerze, die entzündet wird, als befänden wir uns bei einem indonesischen Naturheiler. Mag sein, dass Meg Stuart auch die Fackel im Ohr aus Indonesien importiert hat, von wo Inspirationen in ihr jüngstes Stück geflossen sind. "Celestial Sorrow" hat die amerikanische Choreographin den Abend genannt, der nun das dritte Tanzfestival Rhein-Main beschlossen hat. Ein doppeldeutiger Titel. Könnte dieser überirdische Kummer ja einerseits einer sein, der alle und alles regiert. Oder aber eine Trauer, die den Himmel befällt, schaut er nur auf die menschlichen Kreaturen und den Blödsinn, den sie auf Erden veranstalten. Nun ist Meg Stuart weit davon entfernt, sich selbst für eine Göttin zu halten. Jene Mischung aus Draufsicht und Binnensicht aber, die viele ihrer Arbeiten auszeichnet, hat auch "Celestial Sorrow". Das Fehlerhafte, Beschädigte des Menschen, das schon im Namen ihrer Compagnie Damaged Goods anklingt, hält sich bei Stuart immer die Waage mit einer kuriosen Phantasie und sehr viel Ironie, die dazwischengrätscht, wenn es gar zu viel werden sollte mit dem Leid, dem Unlösbaren und Obsessiven. So ist es auch in "Celestial Sorrow", das Stuart mit dem indonesischen Künstler Jompet Kuswidananto geschaffen hat. Kuswidananto ist gewissermaßen für den Himmel zuständig: Er hat aber einen irdischen geschaffen- aus unzähligen verschieden großen Glühbirnen, dazu einigen Lautsprechern im Retro- Look und ineinander verschränkten Kristalllüstern. Aber wie diese Utensilien mal zartorange glühend, mal weißgleißend hell pulsieren, haben sie doch etwas Jenseitiges, das Kommentar und Motivation des Treibens unter ihnen zugleich sein könnte. Die Klänge, bisweilen bis zum ohrenbetäubenden Krach, tragen die Live-Musiker Mieko Suzuki und Ikbal Simamora Lubys bei, die am Anfang so verhalten sphärisch präludieren, dass man fast schon fürchtet, es bleibe bei Räucherstäbchen, ein wenig Hüftwiegen und seltsamen Gewandungen wie einem aus goldenen Weihnachtsgirlanden gehäkelten Umhang. Dann aber fährt in der Bühnenmitte, umgeben an vier-Seiten von Zuschauern, die Stuart-Maschine hoch. Es wird so arhythmisch getanzt, dass die ganze Verkorkstheit, die sich in einem Menschenleben ansammeln kann, von persönlichem Versagen bis zu den Zumutungen der globalen Politik in den Szenen aufblitzen können. Dazu wird in Erinnerungen gekramt, zwischen Persönlichem und Gesellschaftlichen mag sich das nicht entscheiden und setzt scharfe Kanten neben Versöhnliches, begleitet und provoziert vom harten Beat bis zur indonesischen Schnulze, Letztere vorgetragen als Prozession unter einem Umhang aus Blinklichtern. Insofern passte "Celestial Sorrow" gut ans Ende eines Festivals, das der Musik einerseits und der Wahrnehmung und Betrachtung des Körpers, auch des gehandicappten Körpers, andererseits Raum geben wollte. Die Handicaps der Welt jedenfalls, die Stuarts Performer im Gitarren- und Trommelgewitter hervorholen, waren ein letzter, quietschbunter Knall.

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