Meg Stuart
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TANZ, „Projecting [Space[“ in der Zentralwerkstatt der Zeche Lohberg in Dinslaken - Nicole Strecker (20.06.17) [ Duits ]

Choreografin Meg Stuart, Bühnenbildner Jozef Wouters und Dramaturg Jeroen Peeters proben „Projecting [Space[“ in der Zentralwerkstatt der Zeche Lohberg in Dinslaken

Nicole Strecker, TANZ, 20.06.2017

„Heavy lifting! Ja. Heavy lifting, moaaaah.“ Ein kurzes Stöhnen grollt aus Meg Stuarts Kehle. Es ist der Sound des Mitfühlens, denn so klingt, was die Tänzer in diesem Augenblick tun: Sie drücken sich wieder und wieder vom Boden weg, springen, aber mit Körpern, die aussehen wie tropfnass-vollgesogene Säcke. Sinnloser Versuch, mit einer Bewegung die Materialität des Körpers zu überwinden. Kalkuliertes Scheitern. Kampf. Gegenläufig-konfliktreiche Energien. Klar: Wir sind auf einer Probe von Meg Stuart – und gleich ein bisschen im ewigen Inferno. Das liegt heute allerdings nicht so sehr an der Choreografin, die mit leuchtend blondem Kurzhaar eher so etwas wie ein Sonnenpunkt im Dunkel ist, als am Setting: Eine dämmrige Halle der Zeche Lohberg in Dinslaken. Bauprobe für das neue Stück „Projecting [Space[“, eine Auftragsarbeit für die Ruhrtriennale. Es herrscht ein Höllenlärm. Hammerschläge und pfeifende Soundchecks. Hubsteiger kurven mit lautem Summen herum. Irgendwann schallt „All you need is love“ von den Beatles durch die Halle – Motivationsmusik für die Techniker. Wo man sich bei anderen Choreografen während einer Probe kaum die Nase putzen darf – Geräuschbelästigung! -, ficht Meg Stuart der Krach um sie herum nicht an. Sie blickt konzentriert auf ihre Tänzer, die gerade im unisono auf den Zehenspitzen auf- und abwippen, kantig die Arme schwingen und starren Blicks langsam auf uns zukommen. „Like you are dancing an old ritual“, ruft Stuart ihnen von vielleicht zehn Metern Entfernung zu und wedelt mit den Händen einen Tänzer in die richtige Position.

„Training“, antwortet sie später knapp auf die Frage, wie man in so einer Kulisse choreografieren kann. Auch ihre letzte Arbeit fand in einem alten Fabrikgebäude statt, im Brüsseler Stadtteil Molenbeek, seit den Terroranschlägen 2016 in Paris und Brüssel berüchtigt als Brutstätte des Islamismus. Hier eröffnete Jozef Wouters - Bühnenbildner, Künstler, jüngster Neuzugang von Stuarts Kompanie „Damaged Goods“ - 2017 sein „Decoratelier“ und inszenierte mit Stuart und Dramaturg Jeroen Peeters quasi zum Einstand das Kooperations-Projekt „Atelier III“. Eine zweistündige Bespielung der Werkstatt inklusive Tanz mit Druckluftpistole und Gabelstapler. Geleitet von den Bewegungen der Performer zog das Publikum durch Stationen der Werkstatt und besetzte mit gemeinsamen Kunstaktionen den Raum. Schon in dieser Produktion ging es um die Frage, wie sich in Zeiten globaler Migrationsbewegungen und digitaler Ortlosigkeit reale Begegnungs- und Lebensräume neu imaginieren lassen. Das aktuelle Stück „Projecting [Space[“ baut darauf auf. „Jeder Raum, der kreiert wird, beginnt als Projektion, sei es als bloße Fantasie, sei es als maßstabsgetreues Modell“, sagt Jozef Wouters über den Titel. Und Meg Stuart - immer ein bisschen geheimnisvoll, immer mehr fragend als sagend - ergänzt: „Die Identität von jemandem, der sich durch Zeit und Raum bewegt, von Tänzern ist nicht stabil, sondern fluide, 'morphing'. Eine werdende Form, eine sich auflösende Form in einer Landschaft, vielleicht eine Störung? Hier, bei den Proben in der alten Zeche, sind wir außerdem in Dialog mit den sichtbaren und unsichtbaren Energien des Gebäudes, seiner Geschichte, auch den Wünschen, die die Menschen auf das Gebäude projizieren. Diese verborgenen Frequenzen und Vibrationen legen die Tänzer mit ihren Körpern und Bewegungen offen.“

Klingt ein bisschen esoterisch, ist es vielleicht auch, aber egal: Selbst als Spiritualitätsskeptikerin liebt man Meg Stuart gerade dafür, dass man bei ihr nie so genau weiß, wo der ernstgemeinte Schamanismus aufhört und die ironische Scharlatanerie beginnt. Großartig, wie sie etwa in ihrem Solo „Hunter“ die eigene Vergangenheit behexte oder in ihren letzten Ensemble-Produktion „Until Our Hearts Stop“ und „Sketches/Notebook“ der urmenschlichen Sehnsucht nach der Illusion huldigte. Fantasie, Spiel, Zauberei, Theater, auch Aberglaube und Glaube – all das ist eben immer auch Daseinstrost und Überlebenshilfe. Aber wehe dem, der glaubt, Meg Stuart erliege der alten Hoffnung „Heilung durch Tanz“. „Das weckt diese Vorstellung, dass Dinge kaputt gehen, dann auf magische Weise geheilt werden und das war's.“, sagt sie kühl, während sie auf ihrem Stuhl in die größtmögliche Entfernung rutscht und jetzt so schief und abgewandt dasitzt als wolle sie gleich davonlaufen. „Sie werden wieder zerbrechen, vielleicht an anderer Stelle, vielleicht auf andere Weise. Es ist ein fortwährender Prozess und erfordert eine Art künstlerische Praxis, bei der man nie dieselben Methoden anwenden kann.“

Nicht Therapie, sondern Transformation lautet seit jeher die Stuart-Devise. Mit ihrer rabiat-erschütternden, radikal-enthemmten Körper-Ästhetik pumpt sie seit 1995 Situationen, Menschen, Dinge, Phänomene mit neuer Energie auf, die sie verändern soll und im besten Fall auf ein höheres, schöneres, besseres Niveau bringt. Getanzte Rites de Passage. Und auch wenn heute, mit über 50 Jahren, der Blick aufs geplagte Menschenseelchen zärtlicher zu sein scheint, auch wenn nicht mehr zerdehnte, verzerrte Fleischlichkeit ihre Bühne beherrscht – Stuarts unglaubliche Sensibilität für psychosomatische Zusammenhänge, für die im Körper stofflich werdende Alchemie der Gefühle ist unverändert.

Aktuell aber: Raumträume, Raumfiktionen, Raumvisionen - „Projecting [Space[“ in der Zentralwerkstatt der stillgelegten Kohlezeche Lohberg. Eine 2.000 Quadratmeter große Halle wie ein langgestreckter Höhlengang. Steht man im hellen Eingangsbereich, liegt das Ende völlig im rätselhaften Dunkel. Hier schlägt Bühnenbildner Jozef Wouters an diesem Bauprobentag mit meterlangen Metallgerüsten in abgewetztem Grün Schneisen in den Raum. Er baut ein Regalsystem aus sehr hellen, weichen Holzbrettern. „Holz ist der Werkstoff, den wir am liebsten berühren. Der Körper mag es, auf Holz zu stehen, zu sitzen. Trotz seiner Härte schmerzt es nicht und es ist wärmer. Wenn ich also diesen Raum mit anderen Räumen durchschneide, ist Holz das erste Material, das mir in den Sinn kommt.“ Wouters verlängert das Regalsystem auch nach draußen in die einsame Mondlandschaft aus Kies und dürrem Gras und grübelt über eine Art theaterhaft fünf-aktige Unterteilung der schlundartigen Halle. Früher wurden in der Zentralwerkstatt die kaputten Kohlewagen und Bohrstangen für die Zechenarbeit repariert. Heute kauern hier die Tänzer der „Damaged Goods“ auf dem staubigen Boden wie reparaturbedürftiges Körper- und Seelenmaterial. „In den ersten Stunden dieser Probe“, erzählt Meg Stuart, „hatte ich das Bedürfnis, mit der Fragilität und Verletzlichkeit, dem wirklich Menschlichen zu arbeiten und eine Art Mikro-Landschaft zu kreieren.“

Ganz dicht drängen sich die Tänzer aneinander. Eine Frau bebt wie von einem Schluchzen gepackt. Die anderen beugen sich über sie als wollten sie sie besänftigen – oder erdrücken? Dann beginnen sich die Körper ineinander zu schlingen zum ununterscheidbaren Leiberklumpen. Ein Winden, Schlängeln, Ringeln – wie Gewürm unter einem Stein, das Schutz vor dem plötzlichen Licht sucht. „Wir stehen hier auf einem Boden, unter dem die Kohleminen bis in 1,2 Kilometer Tiefe reichen“, sagt Dramaturg Jeroen Peeters. „Das provoziert natürlich Vorstellungen von ganzen Welten unter unseren Füssen.“ Vor allem aber inspiriert Peeters der große Umbruch des Ruhrgebiets, das Transitorische. Welche Ruinen werden künftige Generationen wohl vorfinden von den auf den alten Zechen gerade entstehenden Kultur- und Eventtempeln, Start-up-Firmen und künstlichen Landschaften? „Ich finde es faszinierend, dass im Ruhrgebiet erstmals in Europa die Idee einer industriellen Archäologie umgesetzt wird: Also die jüngere Industriegeschichte als wertvolles kulturelles Erbe betrachtet wird. Für mich ist das wie ein riesiger Probenraum. Große Hallen, wo man auch über die Bestimmung zukünftiger Ruinen in 20, 50 oder 100 Jahren nachdenken kann.“

Wo Peeters, der Dramaturg, seine Sci-Fi-Visionen fantasieren darf, muss sich der Bühnenbildner derzeit mit ganz handfesten Problemen herumschlagen: Sicherheitsvorschriften. Einen Tag zuvor war Jozef Wouters bei der Stadtverwaltung, musste Fragen beantworten, Feuerschutzkonzepte, Notfallpläne vorlegen. „Ein sehr sensibler Punkt hier“, sagt Wouters. Denn nicht weit von der Zeche entfernt ereignete 2010 ein entsetzliches Unglück: die Massenpanik der Duisburger Love-Parade mit 21 Toten. „Ich weiß nicht, ob das in der Performance thematisiert wird, aber es gibt ein Trauma in dieser Region, dessen bin ich mir sehr bewusst.“

Zwischen Wouters Traumatherapie und Peeters Zukunftsvision – was will Meg Stuart? „Let's do the solos.“ Sie setzt sich auf eine halbrunde Holzstellage, die ein bisschen an ein griechisches Theatron erinnert und erwartet nun von jedem Tänzer eine Improvisation über seine persönlichen Gefühle und Eindrücke in der Halle. Eine Frau pflückt eine Glasscherbe vom Boden und blickt in ihre Spiegelung wie in eine Zauberkugel. Ein Mann presst sein Ohr auf den Boden als belausche er unterirdisches Leben. Dann reiht der eher kompakt-kleine Tänzer sportliche Hochsprünge und Siegerposen aneinander – Selbstvergrößerungen wie eine Kampfansage an die gewaltigen Dimensionen des Raumes. Wieder eine andere Tänzerin greift sich ein Mikrofon, rennt in den Hallenschlund hinein, während sie immerzu ruft „standing forbidden, space forbidden.“ Bald ist sie kaum noch sichtbar, aber ihre Stimme echot durch den Raum. „Wir bauen vorläufige Schutzräume mit Körpern,“ sagt Meg Stuart später über ihren choreografischen Ansatz. „Wir suchen nach Momenten der Verbundenheit, aber nicht in bloßer Harmonie. Die Dinge kippen aus der Balance, und die Tänzer sind wie eine Gemeinschaft, die versucht, instabile, unsichere Strukturen von Hilfe und Unterstützung aufzubauen.“ Also eine utopische Energie? „Das hoffe ich doch!“ Sie lacht laut auf, „We are dreamers, you know? We are!“ Dann wieder ganz vorsichtig, tastend: „Ich würde das nicht 'Utopie' nennen, sondern vielleicht 'Vorschläge'? Für mich gilt: Kein Problem ohne eine kleine Spekulation über eine Lösung. Nicht nur einen Zustand abbilden, sondern auch eine Möglichkeit zeigen, ein „Es-könnte-sein“. Das ist unsere Verantwortung als Künstler.“

De Morgen, Niet één, niet twee, maar drie keer geselecteerd voor het Theaterfestival: Jozef Wouters - Evelyne Coussens (04.09.17)

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